Ein
besonderer U-Bahn-Wagen
Der Wagen 515

Wagen 515: Hier abgestellt
in der Kehranlage Spichernstraße (Foto: D. Jentzsch)
Vorab:
Vor einigen Monaten kam ich in den Besitz einiger höchst
seltener Bilder. Der Bild-Autor, Herr D. Jentzsch, erklärte,
dass die Bilder an dieser Stelle veröffentlicht werden dürfen.
Herzlichen Dank an dieser Stelle auch an die Berliner
Verkehrsseiten (BVS).
Mit dem Wagen 515 haben wir es mit einem höchst bemerkenswerten U-Bahnwagen zu tun. Nun könnte man annehmen, dass es sich hier um einen A-II-Wagen handelt, doch weit gefehlt. Die Spuren dieses Wagens lassen sich wesentlich weiter zurückverfolgen.
Der Beiwagen 515 wurde
1901 im Auftrage der Berliner Hochbahngesellschaft beschafft.
Gebaut wurde er bei der Düsseldorfer Gesellschaft für
Eisenbahnbedarf. Er hatte damals die Ordnungsnummer 209 (oder
215, andere Quelle) und war ein Serienwagen der 1. Lieferung, II.
Klasse. In diesem Zustand war der Wagen viele Jahre auf dem
Streckennetz im Einsatz. 1913 wurden aufgrund des für die
Triebwagen engen Nummernschemas neue Nummern für die Beiwagen
eingeführt und alle Beiwagen neu nummeriert. Aus den 200er und
300er-Wagen wurden 500er. Daher erhielt der Wagen 209 die Nummer
515. Bisher konnte nicht geklärt werden, ob dieser Wagen (im
Originalzustand) auch auf den Großprofillinien zum Einsatz kam.
Den Wagennummern nach zu urteilen müsste dieser Wagen ab 1923
auf der Linie C zum Einsatz gekommen sein. Wie dem auch immer
sei: 1929 erfolgte ein völliger Umbau des Wagens in Grunewald:
Er wurde optisch den A-II-Wagen angepasst und galt nun als Wagen
der "21. Lieferung". Genauso wie auch der Beiwagen 207,
später 867.
Da zumindest der Wagen 515 über Hochbahn-Spannpuffer-Kupplungen
mit separater Stromdose verfügte, konnte dieser Wagen niemals
mit echten A-II-Zügen im Verband laufen, sondern nur mit
A-I-Wagen. Sie wiesen noch eine Besonderheit auf, die sie zu
Einzelstücken machten: Sie hatten Quersitze, wie die Hamburger
Hochbahn. In dieser Form (mit der obligaten
"Chlorodont-Werbung") kam der Wagen in den Folgejahren
zum Linieneinsatz, während seine Altersgenossen ab 1930
ausgemustert und verschrottet wurden. Somit galt dieser Wagen
zusammen mit Wagen 867 ab 1937 als ältester U-Bahnwagen Berlins!
Den Zweiten Weltkrieg hat der Wagen 867 nicht überlebt, er wurde
am 24. Mai 1944 zerstört. An dem Tag gab es in Folge eines
Angriffs schwere Verwüstungen in der Betriebswerkstatt und
Wagenhalle Warschauer Brücke. Vermutlich war er dort abgestellt.
Der Wagen 515 dagegen überstand den Krieg unbeschadet und war in den Folgejahren noch im Einsatz, nach 1949 für die BVG-West. Am 31. Dezember 1950 lief der Werbevertrag mit den Dresdener Lingnerwerken (Chlorodont-Zahnpasta) aus. Da die Werbung auflackiert war, wurde eine Neulackierung erforderlich, obwohl dieser erst drei Jahre alt war. Vermutlich wurde in jener Zeit beschlossen, diesen betagten Sonderling zurückzustellen. Der Wagen war in den Folgejahren in der BW Grunewald abgestellt. Später, als Platz in Grunewald benötigt wurde, stellte man den Wagen in der Abstellhalle Krumme Lanke unter. Wieder einige Jahre später fand der Wagen in der Kehranlage Spichernstraße Asyl, bevor er wieder in Grunewald abgestellt wurde. In Grunewald stand er dann seit dem 5.Dezember 1980 zunächst einige Jahre in einer Halle und die letzten Jahre dann auf einem Kehrgleis in der Nähe des Tunnelmundes unter freiem Himmel. Er trug in jener Zeit Kreidehinweise "Kein Schrottwagen!". Man dachte damals noch an eine museale Aufarbeitung, doch die wurde später verworfen, da dieser Wagen nicht "typisch" für die Berliner U-Bahn war, aufgrund seiner ungewöhnlichen Sitzanordnungen.
Im Juli 1997 schließlich wurde er ausgemustert und kurz darauf nach Ferchland transportiert. Dort wurde dieser bemerkenswerte Einzelgänger im August zerlegt.
Eigentlich
sehr schade, dass diese Lebensgeschichte kein Happy-End hat...
Hier noch ein paar letzte Bilder, sie entstanden am 4. Dezember
1980 an der Spichernstraße.

Das Innere
des Wagens 515 (alle Fotos: D. Jentzsch)
Aufgenommen: 4. Dezember 1980







Der Transport des Wagens 515 am
5.Dezember 1980
von der Spichernstraße zur BW Grunewald
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Der Wagen 515 wurde in einen 3-Wagenzug
eingebunden und mittig in die BW Grunewald transportiert. Die
Triebwagen waren die Wagen 375 und 410, beides A2-Wagen. Sie wurden knapp ein Jahr später ausgemustert.

Zug abfahrbereit in der Kehranlage Spichernstraße
Man beachte die Ausschilderung mit Ziel "Spittelmarkt"!

Kurzer Zwischenstopp auf dem U-Bhf Augsburger Straße

...damals wurde Werbung noch auflackiert

Neulack:
1936, Letzte HU: 1947 (alle Fotos: D.Jentzsch)
Aufgenommen 5. Dezember 1980 in Grunewald