Licht und Farbe
im Berliner Untergrund

U-Bahnhöfe
der
Klassischen Moderne
Führer durch die Architektur der U-Bahnlinie 8
zur Ausstellung in
der "Kleinen Humboldt-Galerie"
Humboldt-Universität zu Berlin
Unter den Linden 6
3.9. - 29.10.1993
Öffnungszeiten:
Mi. - Fr. 14.00 - 21.00 Uhr
Sa. 11.00 - 19.00 Uhr
Die U-Bahnlinie 8 ist eines der herausragenden Verkehrsbauwerke der 20er und 30er Jahre. Sie bezieht sich in ihrer anspruchsvollen Gestaltung unmittelbar auf das "Neue Bauen" der 20er Jahre, das eine bis heute erlebbare Funktionalität mit zurückhaltender, aber genau durchdachter Formgebung verbindet. So werden die Bahnhöfe zum adäquaten Ausdruck des damaligen Berlin, der kulturellen Hauptstadt Europas.
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Die "Metro" in Paris,
die "Tube" in London mögen berühmter sein. Doch diese
älteren Verkehrssysteme wurden röhrenartig im Untertagebau
vorangetrieben und besitzen Bahnhöfe mit vergleichsweise
bescheidenem Anspruch. Im Gegensatz dazu sollte Moskaus berühmte
marmorne Pracht-U-Bahn dem stalinistischen Staat eine prunkvolle
Fassade verleihen. Erst vor diesem Hintergrund wird die
Einzigartigkeit der Berliner U-Bahn-Architektur der Weimarer Zeit
deutlich.
Die U 8 verband als Haupt-Nord-Süd-Linie von Anfang an die
Zentren und Umschlagplätze der Stadt: In Gesundbrunnen wurde der
Anschluß an Ring- und Fernbahn geknüpft, Alexanderplatz war und
ist der wichtigste Verkehrsknoten der Stadtmitte, Hermannplatz
das Zentrum von Neukölln. Drei bedeutende Kaufhäuser, darunter
mit Karstadt am Hermannplatz das seinerzeit größte Europas,
lagen an dieser Linie.
Die Planung einer Verbindung der im 19. Jahrhundert rasant
gewachsenen Industrievororte Wedding und Neukölln geht auf die
Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück. Anfang des Jahrhunderts
wollte man in den Straßenschluchten eine Schwebebahn errichten,
für die bereits konkrete Entwürfe vorlagen, die jedoch bei der
Bevölkerung auf Kritik stieß. Seit 1907 plante die AEG eine
kombinierte U- und Hochbahn, deren Ausführung 1912 beschlossen
wurde. Daraus erklärt sich, daß Peter Behrens (1868 - 1941),
seit 1907 künstlerischer Berater der AEG, Entwürfe lieferte.
Seine Pläne für die Hochbahn wurden jedoch nie ausgeführt, da
schließlich die gesamte Linie als "Unterpflasterbahn"
errichtet werden sollte. Infolge des Ersten Weltkriegs wurden nur
die wenigsten der projektierten Bahnhöfe verwirklicht. 1919
wurden die Arbeiten gänzlich eingestellt und konnten erst nach
längerem Rechtsstreit 1925 wieder aufgenommen werden - nun, mit
der Ausnahme des Bahnhofs Moritzplatz, unter der Oberleitung
Alfred Grenanders. 1927-30 wurde die Gesamtstrecke in
verschiedenen Etappen eröffnet. Zur Zeit der Teilung Berlins vor
allem durch ihre vielen unbenutzbaren
"Geisterbahnhöfe" bekannt, ist diese wichtige
Citylinie heute, nach dem Fall der Mauer, wieder voll
´erfahrbar´. Die Abfolge der Bahnhöfe und ihrer
variationsreichen Architektur bildet den roten Faden der
Ausstellung; dieses Faltblatt soll als Begleiter bei einer Fahrt
durch die Bahnhöfe dienen.
Alfred Grenander (1863-1931), der wichtigste Architekt der U 8,
wurde in Schweden geboren. 1890 holte ihn Paul Wallot in sein
Baubüro zum Neubau des Berliner Reichstags. Für kurze Zeit
Lehrer an der Berliner Kunstgewerbeschule, war er seit 1899 für
die Berliner U-Bahn tätig (Potsdamer Platz) und seither einer
ihrer Hauptarchitekten. Auf ihn gehen die meisten unterirdischen
Stationen der Stammbahn (Bahnhof Wittenbergplatz 1909, die
übrigen in den Jahren darauf) und der Innenstadtlinie zurück.
In den 20er Jahren vollendete er zunächst die von Alfred Jennen
begonnene erste Nord-Süd-Linie, die heutige U 6. Deren
südöstliche Bahnhöfe (ab Mehringdamm) ließ Grenander, im
Gegenzug zu den nur verputzten und gestrichenen Wänden der
früheren Stationen, durch erdfarbene Zementfliesen mit
Kaltglasur ausstatten, nun ganz in eigener Regie arbeitend. Sie
bildeten die Vorstufe zu der Entfaltung farbiger Wandkeramik in
der abwechslungsreichen Folge der Bahnhöfe der U 8 und der
südlichen Erweiterung der U 6 nach Tempelhof, aber auch in der
Erweiterungslinie nach Friedrichsfelde (1928-30), der letzten von
Grenander gestalteten Strecke.
Auch Hochbauten hat Grenander für die BVG entworfen, so die
Bahnhöfe Onkel Toms Hütte (1929) und Olympiastadion (1929/30),
die einstige Hauptverwaltung der BVG an der Dircksenstraße, die
direkt über der U 8 steht und im Hinterhaus ein Umformerwerk
enthält. Ähnliche Bauten errichtete Grenander mit den
Gleichrichterwerken an der Bastianstraße und der Hermannstraße,
letzteres ein monumentaler Klinkerbau von 1927/28, der die
Steigung zu den Rollbergen beherrscht.
Betrachtet man seine Entwicklung, die Sorgfalt und Durcharbeitung
seiner Entwürfe, erscheint Grenander als einer der wichtigsten
Architekten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Leinestraße
Der Ausgangspunkt einer Fahrt mit
der U 8 ist der jetzige Endbahnhof Leinestraße.
Die Strecke wurde allerdings schon in den 20er Jahren nach Süden
weitergeführt: Der Bahnhof an der Kreuzung der Hermannstraße
mit der S-Bahn blieb im Rohbau stecken und wird erst heute
ausgebaut. Einzig die verdeckelten Abgänge auf den gehsteigen
der Kreuzung Hermann- / Emser Straße waren bislang von dieser
Station zu sehen.
Der Bahnhof Leinstraße wurde also von Anfang an nur als
Durchgangsstation projektiert und verkörpert daher den Normtyp:
Ähnlich wie bei den meisten anderen Stationen der U 8 (vgl. z.B.
Schönleinstraße, Heinrich-Heine-Straße, Rosenthaler Platz)
liegt der Bahnsteig zwischen den Gleisen, eine zentrale
Stützenreihe teilt den Raum in zwei Schiffe.
Die Wände sind mit hellgrünen Fliesen ausgekleidet. Ihre
unruhig strukturierte Oberfläche wurde dadurch erzeugt, daß die
Tonmasse in Model gepresst wurden. So entstanden Fliesen von
großem "Volumen", die in ihrer Gesamtheit ein bewegtes
Wandrelief entstehen lassen. Der helle, gelbliche Scherben
scheint durch die transparente Glasur. Die Fugen sind sehr fein
und treten kaum in Erscheinung. Besonders deutlich wird die
Qualität dieser Auskleidung beim Vergleich mit neueren
Ersatzflächen.
Interessant sind auch die ehemaligen Personalhäuschen auf dem
Bahnsteig, deren Baukörper nach oben hin durch ein vortretendes
Kranzgesims abgeschlossen wird, in dem nach unten strahlende
Beleuchtungskörper angebracht waren. Dies ist freilich nurmehr
an den Milchglasscheiben und teilweise noch an den alten
Fassungen erkennbar, weil der Effekt, der diese kleinen Bauten im
relativen Dunkel der ursprünglichen Beleuchtung stark heraushob,
heute nicht mehr eingesetzt wird.
Architekten: Alfred Grenander,
Alfred Fehse
Bauzeit: 1927-29
Keramik: Richard Blumenfeld, Charlottenburg, Velten (Mark)

Leinestraße
Boddinstraße
Der erste, 1927 eröffnete
Abschnitt der U 8 begann beim Bahnhof Boddinstraße. Beide
oberirdischen Eingänge sind authentisch erhalten, sowohl der
südliche mit den torartigen, orientalisch anmutenden
Hinweisschildern, als auch der nördliche mit einer durch
gegenläufige Treppen erschlossenen Toilettenanlage,
einschließlich der beleuchteten Hinweisschilder.
Die Anlage folgt einem älteren Typ, wie er zuvor an der heutigen
U 6 (Bahnhöfe Schwartzkopffstraße - Stadtmitte) verwendet
worden war: Die Abgänge liegen in der Straßenmitte. Hier findet
man auch die für die Linie 8 singuläre Verwendung von
Doppelstützen, welche eine reiche Deckenkonstruktion mit
querlaufenden Trägern (ehemals unbeleuchtet) und muldenartige
Gewölbe (ehemals beleuchtet) zur Folge hat. Leider wird ihre
Räumlichkeit durch die neue Neon-Beleuchtung fast aufgehoben.
Auch wurde durch die neuen Abfertigungshäuschen in der Mitte des
Bahnsteigs hier wie in anderen Bahnhöfen der Gesamteindruck des
Raumes zerstört.
Die Wände sind mit sehr heller, grauer Keramik gefliest, deren
Oberfläche von bewegter, glitzernder Struktur ist. Es entsteht
der Effekt des auf einer Wasseroberfläche sich brechenden
Lichts. Diese Fliesen sind im Vergleich mit denen der
Leinestraße opaker, daher untereinander weniger unterschiedlich.
So schließen sie sich zu einheitlicheren Flächen zusammen, die
von glatten blauen Bändern eingefasst sind. Auch die Pfeiler
sind mit solchen blauen Fliesen verkleidet. So werden bewußt
Materialqualitäten gegeneinander gesetzt: Die helle, glänzende
Wandverkleidung und die matte Rahmung, welche das Ultramarin-Blau
besonders intensiv zur Geltung kommen lässt.
Architekten: Alfred Grenander,
Alfred Fehse
Bauzeit: 1925-1927
Auf dem Weg zum Hermannplatz findet sich oberirdisch das erwähnte, monumentale Gleichrichterwerk (Hermannstraße 4, 5-8), das an ein älteres, 1925 ebenfalls für die Zwecke der BVG adaptiertes Fabrikgebäude angeschlossen wurde. Der Nutzbereich mit den Transformatoren im Erdgeschoß wird durch ein kräftiges Gesims von den oberen Stockwerken des Gebäudes abgesetzt, welche Wohnungen enthalten.
Hermannplatz
Der Südteil der Linie 8 wurde
schnell vorangetrieben, um eine Verbindung von der U 7 zur alten
Hochbahn am Kottbusser Tor zu schaffen. Besonders wichtig war
hierfür der Umsteigebahnhof am Hermannplatz, wo sich die beiden
Linien in zwei Etagen kreuzen und auf kürzestem Wege verbunden
sind. Die ´Drehscheibe´ in der Mitte des Bahnhofs ist
eindrücklich durch ein kreisförmiges Stuckband herausgehoben
(Bahnsteig U 7). Um reibungsloses Umsteigen zu ermöglichen,
wurden erstmals in Deutschland Rolltreppen in ein öffentliches
Gebäude eingebaut. Schon 1930 wurde die Station zudem mit dem
neuen Kaufhaus Karstadt am Hermannplatz, dem damals größten
Europas, durch Auf- und Übergänge direkt verbunden.
Einzigartig ist die Formensprache: ältere Architekturmotive wie
das Dreipaßgesims und die ausladenden Kapitelle der Pfeiler
werden in expressionistischer Art verfremdet. Die Ausfahrten der
U 7 sind durch monumentale Tormotive mit wuchtigen Keilsteinen
überhöht. Originell und präzise gestaltet sind auch die
Kunstschmiedearbeiten an den Treppen. In der unteren
Bahnsteighalle kennzeichnet ein ins Oliv spielender Grauton den Bereich
der U 7, ein kalter gelblicher die U 8, welche sichtbar durch die
große Halle hindurchschneidet. Freilich ist der ursprüngliche
Eindruck weitgehend zerstört, denn bei einer Renovierung der Jahre
1991-1993 wurden fast alle originalen Kacheln heruntergeschlagen.
Der ursprüngliche Glanz, die bewegte, aber nicht zu kleinteilige
Oberfläche und die nicht vereinheitlichte, durchscheinende
Glasur der Keramik sind damit verloren. Der Ersatz ist
nivellierte Einheitsware, nicht einmal der alte Farbton wurde
getroffen.
Wie sorfgältig und fein Wände und Pfeiler ursprünglich
gegliedert waren, kann der Betrachter heute nur noch an wenigen
Stellen erkennen, z.B. in den Vorhallen oder an den Kapitellen
der Pfeiler. Solche komplizierten, schwer zu zu rekonstruierenden
Formen blieben nämlich erhalten, ebenso einige wenige Fliesen am
Aufgang zum Kaufhaus Karstadt. Hier zeigt sich, daß die alten
Platten etwas größer, mithin die Fugen feiner und heller
ausgeführt waren, wodurch sie nicht so sehr ins Gewicht fielen.
Zugleich wurde die Lichtführung durch übermäßig viele
Kuppelleuchten verändert. Die indirekte Beleuchtung im oberen
Bahnhof (U 8), welche einst die Decke gleichsam schweben ließ,
wird durch allzu helles Einheitslicht überstrahlt. Dies alles
zeigt: Hier wurde ein bedeutendes Verkehrsdenkmal Berlins
zerstört, nicht restauriert.
Architekten: Alfred Grenander,
Alfred Fehse
Bauzeit: 1926, eröffnet 1927
keramik: Villeroy & Boch, Mettlach/Saar, Werk
Lübeck-Dänischburg.
Kunstschlosserarbeiten: G. Trams, Berlin (?)

Hermannplatz
Schönleinstraße
Dies ist der älteste
ausgeführte Bahnhof des Normtyps mit durchlaufenden Gewölben
über den Bahnsteigen (vgl. Leinestraße). Sehr aufwendig ist die
Gestaltung der Wandkeramik, die sich deutlich von den
zeitgleichen Bahnhöfen Boddinstraße und Hermannplatz
unterscheidet: Die Oberfläche der Fliesen ist sehr glatt und
läßt die Farben besonders intensiv erscheinen, da die
Lichtreflexe nicht von derselben Bedeutung sind wie bei den
bisher vorgestellten Bahnhöfen. Vielmehr kommt es einzig auf die
Farbeffekte an.
Da sich die hier verwendete Glasur beim Brennen in Ihre
Bestandteile trennt, können verschiedene, changierende Farbtöne
erzeugt werden. Es entstehen zarte Aquarelleffekte. Ähnlich wie
bei dieser Technik hat maßgeblich das Trägermaterial - hier die
Keramik - Anteil an der Wirkung. Dies ist besonders deutlich an
den Pfeilern ablesbar, welche durch eine etwas dunklere Tönung
abgesetzt sind. Beachtenswert sind die fast vollständig
erhaltenen Vorräume mit ihren schlanken Stützen.
Architekten: Alfred Grenander,
Alfred Fehse
Bauzeit: 1926-27
Keramik: Richard Mutz, Gildenhall

Schönleinstraße (Bild: Peter Donn)
Kottbusser Tor
Im Zuge des Neubaus der U 8 wurde
auch der Hochbahnhof der älteren U-Bahnlinie 1 ersetzt. Der
Neubau ist ein kühner Wurf, der von weitgespannten Trägern nur
mit einer Mittelstütze gehalten wird und des gesamten Platz
dominiert. Die einzelnen Kompartimente der überzeugend
schlichten Stahlkonstruktion werden von Nieten zusammengehalten,
der in den 20er Jahren - vor Einführung des Schweißens -
üblichen Technik zur Verbindung von Metallteilen.
Im U-Bahnhof wird die Funktion eines Umsteigebahnhofs in dem
breiter ausgeführten Bahnsteig mit einer zweiten Pfeilerreihe
deutlich. Es werden verschiedene Pfeilerformen (z.B. auf
kreuzförmigen Grundriß) verwendet. Wie beim Bahnhof
Hermannplatz waren ursprünglich auch an den beiden Enden des
Bahnsteigs Ausgänge vorhanden, die heute jedoch verschlossen
sind. Die in einem ganz hellen Aubergineton gehaltenen Wand- und
Pfeilerfliesen werden von einem braunen Band eingefasst.
Architekten: Alfred Grenander,
Alfred Fehse
Keramik: Ernst Teichert, Meißen
Bauzeit: 1926-28
Moritzplatz
Dieser Bahnhof, nach dem Krieg
dicht an der Mauer gelegen, verlor durch die weitgehende
Zerstörung des Viertels seine Bedeutung. Auf Initiative der
Firma Wertheim wurde der ursprünglich gradlinige Streckenverlauf
über Dresdener Straße/ Oranienplatz (samt einem nicht mehr
benötigten Bahnhof) in den 20er Jahren aufgegeben, zugunsten
einer Kurve zum Kaufhaus am Moritzplatz.
Diese Konzeptionsänderung kostete Wertheim 5 Millionen
Reichsmark. Die bereits ausgeführten Teile der alten
Streckenführung sind bis heute erhalten.
Wie beim Kottbusser Tor weisen auch am Moritzplatz der breitere
Bahnsteig und die doppelte Stützenreihe darauf hin, dass einst
ein Umsteigebahnhof geplant war. Er hätte den Zugang zu einer
nicht ausgeführten Linie ermöglicht, welche zwei der großen
Fernbahnhöfe, den Lehrter und den Görlitzer Bahnhof, verbinden
sollte.
Moritzplatz ist einer der künstlerisch bedeutensten Bahnhöfe
der U 8. Es ist der einzige, der nicht von Alfred Grenander,
sondern von Peter Behrens entworfen wurde. Das Quadrat der
Wandfliesen bildet die Grundeinheit (Modul), aus der sich die
gesamte Architektur aufbaut, d.h. die Deckenhöhe, die
Pfeilerbreite und -tiefe. Die Formensprache wird hier noch mehr
vereinfacht, so entfällt nun jede Anspielung auf Kapitellformen.
Alurahmen (heute leider überstrichen) zum Schutz der
Pfeilerkanten erzeugen eine klare Kontur.
Die aufwendige Glasur wird zum Hauptausdrucksträger der
Architektur, in Zusammenhang mit den grünen Rahmen der
Werbeträger und der Stationsschilder. Es handelt sich wieder um
eine Entmischungsglasur (Chün-Glasur-Effekt).
Die ausserordentlich kostbaren Fliesen zeigen ein Farbspektrum,
das von hellem, grünlichem Weiß bis ins Purpur reicht und so
auf die schillernden Effekte von Perlmutt anspielt. Der Bahnhof
lebt so vom Kontrast zwischen einfachster Architektur und
aufwendiger Glasur.

Moritzplatz (Bild: Peter Donn)
Architekt: Peter Behrens
Bauzeit: 1926-28
Keramik: Richard Blumenfeld AG, Charlottenburg, Velten (Mark)
Heinrich-Heine-Straße (ehemals Neanderstraße)
Der Bahnhof folgt dem Normtyp, die Farbe der Wandfliesen mit dichter Bleiglasur entspricht dem Aubergineton von Kottbusser Tor
Architekten: Alfred Grenander,
Alfred Fehse
Bauzeit: 1926-28
Keramik: Ernst Teichert, Meißen

Heinrich-Heine-Straße
Jannowitzbrücke
Eine hohe, dem Streckenverlauf
angepaßte, geschwungene Halle charakterisiert diesen Bahnhof.
Hier werden zum ersten Mal im Verlauf der U 8 die Stahlstützen
ohne Verkleidung gezeigt. Sie sind jedoch nicht rein funktional
gestaltet, sondern durch Kapitellrudimente und Nieten bereichert.
Die Decke ist vollkommen glatt, was insofern zu einer
überzeugenden Lösung führt, als bei der Biegung des Bahnhofs
eine Gewölbeform nur mit Schwierigkeiten auszuführen gewesen
wäre.
Zum ersten Mal werden auch kleinformatige Fliesen von glatter
Oberfläche verwendet; zusammen mit dem Versatz
"Kaminverband" ruft dies bei der Wandgestaltung eine
ganz andere Wirkung hervor. Durch die Schlichtheit der übrigen
Formen tritt die kalte, gelbe Farbe in den Vordergrund. Es wird
ein einheitlicher Farbton angestrebt, im Gegensatz zur Vielfalt
der unterschiedlichen Fliesen bei den meisten bisherigen
Bahnhöfen.

Jannowitzbrücke
Architekten: Alfred Grenander,
Alfred Fehse
Bauzeit: 1928-30
Alexanderplatz
ist der wichtigste Bahnhof der U 8 und einer der wichtigsten
Knotenpunkte Berlins überhaupt: Ursprünglich geplant war die
Kreuzung von vier U-Bahnlinien (heute sind es drei), dazu kommt
die Anbindung an S- und Fernbahn sowie an das Stadtzentrum und
die dortigen Kaufhäuser.
Interessant ist die Gestaltung besonders im Vergleich mit dem
wenige Jahre zuvor entstandenen Neuköllner Kreuzungsbahnhof
Hermannplatz: Am Alexanderplatz herrscht in den architektonschen
Formen kühle Sachlichkeit vor, ältere Architekturmotive wurden
gänzlich aufgegeben. Ähnlich wie bei Jannowitzbrücke wurden
kleinformatige Kacheln verwendet. Durch unterschiedliche Grün-
und Türkistöne wird eine hohe Lebendigkeit erreicht.
Mehr als an allen anderen Stationen wird am Alexanderplatz die
Architektur als "Verkehrstheater" insziniert. Auf
verschiedenen Ebenen werden die Fußgänger zu den U-Bahn-Linien
hin verteilt. Auf einer Zwischenebene (im Übergangsbereich
zwischen U 8 und U 2) ist eine Passage mit kleinen Läden
eingefügt. Dabei werden die Bewegungen des Fußgänger- und
Fahrzeugverkehrs durch geschickte, gleichsam gerahmte Durchblicke
sichtbar gemacht. Besonders eindrucksvoll sind die großen Auf-
und Abgangs-Hallen mit ihren Stützenreihen. Die Pfeiler sind
hier mit Fliesen umkleidet, während in den Bahnsteigbereichen
(wie bei Jannowitzbrücke) Stahlstützen mit Nieten angewandt
werden.

Alexanderplatz
Eindrucksvoll ist besonders der große Umsteigebahnhof (heute Kopfbahnhof der U 5) mit seinem Wald aus Stahlpfeilern, die ursprünglich nicht auf farblichen Kontrast hin gearbeitet waren, sondern im Farbton der Wand, lindgrün gestrichen waren. Verkleidete Pfeiler, sozusagen Tormotive, betonen nur die Treppen an beiden Enden der Bahnsteige. Die Verteilerebenen und Passagen werden von relativ niedrigen Stützen (teils aus Stahl, teils mit Fliesen verkleidet) getragen. Sie erhalten beleuchtete Kapitelle - eine der herausragenden Ideen des Architekten: Denn mehr noch als am oberen Bahnhof Hermannplatz wird so die Decke von etwas Immateriellen, nämlich Licht getragen und so jeder Eindruck drückenden Lastens vermieden. Geschickt wird damit zugleich das Problem gelöst, in derart niedrigen Räumen Beleuchtungskörper anzubringen, ohne daß sich Besucher die Köpfe anstoßen.
Architekten: Alfred Grenander,
Alfred Fehse
Bauzeit: 1928-30
Unweit des Bahnhofs Alexanderplatz steht an der Dircksenstraße 32-35 der Verwaltungsbau der BVG, der zugleich im Hof ein Gleichrichterwerk umfaßt, erbaut 1929-30. Auch hier wird, wie bei der Anlage an der Hermannstraße, der Nutzbereich im Hof mit monumentaleren Formen gestaltet, während der Bürotrakt zur Straße in "neusachlicher" Art durch waagerechte Bänderungen gegliedert ist.
Weinmeisterstraße
Hier treffen wir wieder auf den Normtyp, diesmal mit glatter Decke. Die Fliesen sind in einem hellen, intensiven Blau gehalten, aufgebracht auf einen rotbraun brennenden Scherben.
Architekten: Alfred Grenander,
Alfred Fehse
Bauzeit: 1928-30
Keramik: Ernst Teichert GmbH, Meißen

Weinmeisterstraße

Rosenthaler Platz
Rosenthaler Platz
Der Normtyp mit den Muldengewölben beiderseits der mittleren Stützenreihe wird in der Farbe Orangegelb, der "Modefarbe der märkischen Töpfermeister" in den 20er Jahren abgewandelt.
Architekten: Alfred Grenander,
Alfred Fehse
Bauzeit: 1927-30
Orangegelb glasierte Keramik von Richard Blumenfeld AG,
Charlottenburg, Velten (Mark)
Bernauer Straße
Die Gestaltung der beiden Bahnhöfe Bernauer und Voltastraße geht noch auf die Planung der AEG-Nord-Süd-Schnellbahn (Planung P.Behrens) zurück. In der Bahnsteigmitte trägt hier eine Reihe wuchtiger Natursteinsäulen die flache Decke. An der Bernauer Straße bestehen sie aus schwarzglänzendem, an der Voltastraße aus grauem Granit. Auch die später zugunsten des Bahnhofs Moritzplatz aufgegebene Station unter der Dresdener Straße besitz solche Stützen, die somit für die ganze Linie vorgesehen waren. in der Bernauer Straße wurden die schwarzen Säulen bei der Vollendung durch Grenander mit cremefarbenen Fliesen kombiniert.
Architekten: Peter Behrens,
Alfred Grenander
Bauzeit: 1914-15 (Rohbau), 1929-30

Bernauer Straße
Voltastraße
geht ebenfalls auf die ältere Behrenssche AEG-Planung zurück (vgl. Bernauer Straße). Zu den grauen Granitsäulen wurden hier später später zwischen grünlichgelben und stahlblauen Tönen changierende Fliesen gewählt. An dieser, eine subtile Wirkung hervorrufenden Entmischungsglasur wird wiederum deutlich, wie stark der darunter liegende gelbliche Scherben mitspricht, obwohl die Deckschicht beonders dick ausgefallen ist.

Voltastraße (Bild: Peter Donn)
Architekten: Peter Behrens,
Alfred Grenander
Bauzeit: 1914-15 (Rohbau), 1929-30
Gesundbrunnen
Die frühere Endstation der U 8
bot die Umsteigemöglichkeit zum nördlichen S-Bahnring und zur
Fernbahn. Da die U-Bahn in großer Tiefe deren Gleise
unterfährt, mußte der U-Bahnhof relativ niedrig ausfallen und
durch lange Rolltreppen erschlossen werden. Die Verwendung von
grünen Fliesen und Stahlstützen verweist hier bereits auf die
Gestaltung der Station Alexanderplatz im Zentrum der Stadt.
Der flach gedeckte, oberirdische Eingangspavillion ist
wohlausgewogen proportioniert. Glücklicherweise ist die
originale Verfugung erhalten.
Architekten: Alfred Grenander,
Alfred Fehse
Bauzeit: 1928-30

Gesundbrunnen - Nördliche Bahnhofshalle
In der Nähe steht das Gleichrichterwerk an der Bastianstraße 6, 1928-30 ebenfalls durch Grenander errichtet. An seiner Fassade wechseln Klinker- und verputzte Wandflächen, im obersten Stockwerk sind Wohnungen untergebracht.
Impressum
Eine Ausstellung der Kleinen Humboldt-Galerie, Berlin
Leitung des Ausstellungsprojektes: Andrea Krausch
Projekt & Fotografien: Christoph Brachmann, Markus Hörsch, Gisela Kohrmann
Die in der Ausstellung gezeigten
Fotografien wurden in den Jahren 1991-1993 angefertigt und werden
1994 in umfangreicher Form publiziert.
(Anm.: Dieses Buch ist 2004 erschienen: "Licht und Farbe im Berliner
Untergrund". Siehe Lesetipp weiter unten)
Die Abzüge der Fotografien wurden hergestellt von Konrad Wita und Reiner Roggenbruck, Berlin
Text des Führers durch die U 8:
Christoph Brachmann, Markus Hörsch;
red. Mitarbeit: Andrea Krausch
Video: Rainer Scheik, Bamberg; Idee: Christoph Brachmann
Installation mit den
Original-Bruchstücken vom Bahnhof Hermannplatz:
Matthias Poleh
Für ihre Mitarbeit danken wir Eckhard Hasler, Tobias Kuttner, Birgitta von Mallinckrodt, Elisabeth Mangold, Mathias Noell, Brigitte Paulowitz, Ute Steinhäuser, Ines Walter
Gefördert wurde die Ausstellung durch den Kulturbeirat Mitte, den Kulturrat Kreuzberg, die BVG, CONVEX Computer GmbH, Edcon EDV-Consultants GmbH, LOGIS GmbH, Siemens-Nixdorf, Silicon Graphics GmbH, G. u. P. Kühn-von Kähne, O. Rühlmann.
Für spontane Kooperationsbereitschaft danken wir dem Kulturamt Wedding, dem Heimatmuseum Wedding, dem Kreuzbergmuseum und dem Heimatmuseum Neukölln sowie dem Rechenzentrum der Humboldt-Universität zu Berlin
Nachwort
Netzspinnen-berlin.de
ist nicht verantwortlich für den Inhalt dieser Seite!
Dies ist ein Gastbeitrag. Text:
Christoph Brachmann, Markus Hörsch;
red. Mitarbeit: Andrea Krausch
Dieser Ausstellungsbegleiter wird an dieser Stelle (abgesehen von drei Bildergänzungen) unverändert wiedergegeben. Er entspricht dem Zustand der Bahnhöfe im Jahre 1993, als auch diese höchst interessante Ausstellung stattfand. Es wäre zu wünschen, dass diese Ausstellung irgendwann und irgendwo wiederholt wird.
Zugleich soll diese Veröffentlichung eine Mahnung an die Verantwortlichen sein, die Bauwerke in ihrem Zustand zu erhalten, wie sie vorangehend beschrieben wurden. Leider fanden in der Zeit seither Unternehmungen statt, die Baulichkeiten zu verändern. Es bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass bei zukünftigen (und vorgesehenen!) Renovierungen die Baulichkeiten in dem oben beschriebenen Zuständen erhalten oder wiederhergestellt werden
Ganz besonders möchte ich mich bei Christoph Brachmann und Markus Hörsch bedanken, die sofort ihr Einverständnis zu dieser Art der Veröffentlichung bei Netzspinnen-berlin.de (Berliner-Untergrundbahn.de) gaben.
Hamburg, im September/Dezember 2001
Lesetipp:
Christoph Brachmann: Licht und Farbe im Berliner Untergrund
U-Bahnhöfe der Klassischen Moderne
Gebrüder Mann Verlag, Berlin 2003