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Berliner UntergrundbahnSeit 1902 unter der Stadt

Vom Fahrkartenautomaten zur App: Wie digitales Bezahlen den Berliner Alltag verändert

Tickets ·

Wer in den 1990er Jahren am Alexanderplatz in die U-Bahn stieg, kaufte den Fahrschein am Automaten mit Münzen, entwertete ihn an einem Gerät, das das Datum in Rot aufdruckte, und steckte den Papierstreifen in die Jackentasche. Wer heute dort einsteigt, hat das Ticket oft gar nicht mehr gekauft, sondern beim Betreten des Bahnhofs in einer App eingecheckt. Dazwischen liegen etwa zwanzig Jahre, in denen das Bezahlen im Nahverkehr fast jede Form durchlaufen hat, die das digitale Bezahlen hervorgebracht hat.

Dieser Beitrag zeichnet diese Etappen nach und fragt, was andere Bereiche des Berliner Alltags vom Nahverkehr übernommen haben. Die Bahnhöfe, in denen sich diese Geschichte abspielt, stellt die Seite zu den Bahnhöfen der Klassischen Moderne entlang der U8 vor, deren Zugänge noch für den Fahrkartenschalter mit Mensch gebaut wurden.

Etappe 1: Der Automat ersetzt den Schalter

Die ersten Fahrkartenautomaten kamen in Berlin lange vor der Digitalisierung, als Reaktion auf Personalkosten. Die Schalter in den Bahnhöfen der Kaiserzeit und der 1920er Jahre wurden nach und nach geschlossen, die Automaten übernahmen. Für die Fahrgäste bedeutete das Münzgeld, später Scheine, und ab den 2000er Jahren die Kartenzahlung am Automaten, die sich jedoch nur langsam durchsetzte, weil viele Geräte lange nur Girocard mit PIN akzeptierten. Der Entwerter blieb, und mit ihm das Prinzip, dass die Fahrkarte ein physischer Gegenstand ist, den man vorzeigen kann.

Etappe 2: Das Handy-Ticket

Der eigentliche Bruch kam mit dem Ticket auf dem Smartphone. Die Berliner Verkehrsbetriebe, die auf bvg.de ihre Apps und Tarife erklären, führten das Handy-Ticket zunächst als Ergänzung ein: dieselben Fahrkarten wie am Automaten, nur als Barcode auf dem Bildschirm, bezahlt mit hinterlegter Karte, Lastschrift oder Wallet. Die Fahrkarte wurde damit vom Gegenstand zur Information, und das Bezahlen vom Vorgang am Automaten zu einem gespeicherten Zahlungsmittel, das im Hintergrund abbucht. Für viele Berliner war das der erste Kontakt mit einer gespeicherten Zahlungsart überhaupt, lange vor dem ersten Online-Abo.

Was andere Lebensbereiche übernommen haben

Das Muster des Handy-Tickets, also Zahlungsart einmal hinterlegen und dann mit einem Tipp auslösen, findet sich heute in fast jedem Bereich des städtischen Alltags: Parken per App, Leihrad, Essenslieferung, Kinokarten. Und es hat Bereiche erreicht, die früher an Bargeld oder Schalter gebunden waren. Auch Glücksspielangebote laufen inzwischen über gespeicherte Zahlungsarten, allerdings mit Lizenzpflicht und gesetzlichem Einzahlungslimit, wie Berliner Morgenpost über PayPal Casinos berichtet. Dort wird beschrieben, dass die Zahlungsdienste nur mit Anbietern zusammenarbeiten, die eine staatliche Erlaubnis besitzen, und dass die hinterlegte Zahlungsart damit zugleich eine Art Zulassungsnachweis ist. Vergleichbares gilt im Nahverkehr: Wer in der Verkehrs-App bezahlt, zahlt beim Verkehrsunternehmen, nicht bei einem Zwischenhändler, und die App ist zugleich der Nachweis, dass die Fahrkarte echt ist.

Etappe 3: Check-in statt Kauf

Das Deutschlandticket als Zäsur

Mit dem Deutschlandticket hat sich die Logik noch einmal verschoben: Nicht mehr die Fahrt wird bezahlt, sondern ein Monat, per Abo mit automatischer Verlängerung. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg erklärt auf vbb.de, dass das Ticket ausschließlich digital oder als Chipkarte ausgegeben wird, nicht mehr als Papierfahrschein. Für die Verkehrsunternehmen bedeutet das planbare Einnahmen, für die Fahrgäste ein Abo wie jedes andere, mit denselben Fragen nach Kündigung und Übersicht, die man von Streaming-Diensten kennt. Der Automat verkauft es nicht.

Was die Daten über die Fahrgäste verraten

Mit dem Check-in per App entsteht etwas, das es beim Papierfahrschein nie gab: eine lückenlose Spur jeder Fahrt, verknüpft mit einer Person und einer Zahlungsart. Für die Verkehrsplanung ist das wertvoll, weil Linien und Takte erstmals nach tatsächlichen Wegen statt nach Zählungen geplant werden können. Für den Datenschutz ist es ein Thema, das die Verkehrsunternehmen in ihren Datenschutzerklärungen regeln müssen und das die Landesdatenschutzbeauftragten begleiten. Die Diskussion ähnelt der um gespeicherte Zahlungsarten in anderen Bereichen: Komfort gegen Spur. Der Automat auf dem Bahnsteig, der Münzen nimmt und nichts speichert, ist auch deshalb mehr als ein Relikt.

Was bleibt: Bargeld, Automat und die Frage der Teilhabe

Die Automaten stehen weiterhin auf jedem Bahnsteig, und sie sollen es nach den Plänen der Verkehrsunternehmen auch bleiben, weil ein Teil der Fahrgäste kein Smartphone, kein Konto oder kein Vertrauen in gespeicherte Zahlungsarten hat. Der Tagesspiegel hat auf tagesspiegel.de die Debatte um die Bargeldannahme an Automaten und in Bussen begleitet, die in Berlin immer wieder aufflammt, wenn Geräte abgebaut oder Busfahrer vom Verkauf befreit werden. Die Digitalisierung des Bezahlens ist im Nahverkehr weit fortgeschritten, aber sie ist nicht abgeschlossen, solange der Papierfahrschein für einen Teil der Stadt die einzige Fahrkarte ist.

Fazit: Der Nahverkehr als Übungsfeld der Stadt

Vom Münzautomaten über das Handy-Ticket bis zum Check-in und zum Abo hat der Berliner Nahverkehr jede Etappe des digitalen Bezahlens als einer der ersten Bereiche des Alltags durchlaufen. Vieles, was heute beim Parken, beim Leihrad oder bei regulierten Online-Angeboten selbstverständlich ist, haben Fahrgäste zuerst an der U-Bahn gelernt. Die Automaten auf den Bahnsteigen erinnern daran, dass nicht alle diesen Weg mitgegangen sind.