Alltag von L i n i e z u L i n i e
Skurriles aus dem BVG-Alltag
Gegen 11 Uhr auf Mehringdamm
(von Horst B.)
Auf der U6 fährt Hotte mit zwei Jägern und einem Schaltwerker in Mehringdamm Richtung Mariendorf ein. Viel zu spät (10 Sekunden wegen Anschlussmitnahme) trifft Loopi mit seinem Jäger-90 (Knöpfchenzug) in Richtung Rudow auch endlich ein. Bahnsteig rappelvoll!!!
Loopi erkennt sofort seinen Gegner, nämlich Hotte und hat den Zug seines schärfsten Gegners sofort gecheckt. Anstatt sich um seine Fahrgäste zu kümmern, geht er zum gemeinen Angriff über und brüllt quer übern Bahnsteig zu Hotte:
„Na, quälst du wieder meine schönen Züge???“
Hotte zurück: zunächst sprachlos und völlig überrumpelt von diesem Einsatz: „Kann ick doch nichts für, is der Zugprüfer Tegel schuld.“ Loopi war angepickt, weil Hotte das erste Mal vor ihm in Mehringdamm ankam. Das ist wirklich ungewöhnlich, da Hotte normalerweise nur die trägen Doras fährt, Loopi aber mit den schnellen schnittigen „Knöpfchenzügen“ vorfährt. In Wahrheit aber war Loopi angepickt, weil „seine“ schönen Jäger mit den Schaltwerkern zusammen laufen und dabei vergurkt werden. Auf Dauer nämlich geht das nicht gut, weil die Jäger ein anderes Anfahrverhalten haben.
Erklärungen: Jäger: Züge der Bauart F 90/92, Schaltwerker: Gleichstromzüge F 74 – F 79, Doras: Züge Bauart D/DL
Handeln nach Vorschrift, oder wie zwei Zugabfertiger
eine ganze Linie fast lahm legten!!
(von Horst B.)
Zeit: 1987, vormittags, Berufsverkehr, Linie 7 ca. 6:30 und folgende etwa 30 Minuten.
Ort: Johannistaler Chaussee.
Nachdem Alois B. und ich (Horst B.) unseren Zugabfertiger-Lehrgang mit Bravour bestanden hatten, war es natürlich an der Tagesordnung, dass wir das Erlernte nun auch in die Tat umsetzen sollten.
Dazu bekam man dann eben eine „baw Tour“, das heißt, ich wurde in den „Pi Turnus“ eingebunden; Alois in den Britzer Turnus. So weit so gut, es lief hervorragend. „Einsteigen“, „Zurückbleiben“ („BITTE“ war seinerzeit noch nicht vorgesehen).
Nun passierte es aber, dass im Laufe des Turnusses, sich irgendwann unsere Wege kreuzten, nämlich auf dem U-Bahnhof Johannistaler Chaussee. Ich war der Hauptdienst, Alois der Verstärker.
Das Unheil nahm seinen Lauf.
Zunächst ging auch alles glatt, man freute sich, dass man zu zweit auf so einem „wichtigen“ Bahnhof Dienst hatte und alles war auch unter Kontrolle, bis auf......, ja bis auf die Tatsache, das plötzlich das Ausfahrtsignal JT A2 in der Haltlage blieb, das heißt es blieb rot, nichts ging mehr.
Nichts leichter als das, ich erinnere: Lehrgang mit Bravour bestanden.
Wäre ich alleine auf dem Bahnhof gewesen, hätte ich natürlich jedes mal mit der Kelle (Befehlsstab) nach vorne zum Zugfahrer laufen müssen und hätte ihn dann halt mit der Kelle abgefertigt. Nicht so, wenn wir da zu zweit sind. Also, „Alois, geh du mit der Kelle nach vorne, ich sag dann “Zrückbleimm" und du fertigst dann eben ab"
Gesagt, getan, bisher auch noch nichts Schlimmes passiert. Die Züge wurden also von uns absolut ordnungsgemäß in den roten Abschnitt geschickt. Da ja nun Berufsverkehr herrschte, alle drei Minuten ein Zug kam, hatten wir natürlich alle Hände voll zu tun, zumal ja auf der anderen Seite genau soviel Züge kamen und auch abgefertigt werden mussten.
So ging das nun etwa 30 Minuten und es wurden immer mehr Züge, (ich rufe nun „das Fahren auf Sicht“ ins Gedächtnis), welches es den Zugfahren nicht erlaubt, mit der normalen Geschwindigkeit seine Fahrt fortzusetzen. Immer mehr Züge krochen bei uns in den Bahnhof. Es handelte sich wohl nunmehr um eine „GANZ DICKE STÖRUNG“. Mein Lieber Mann, waren wir stolz, die Sache komplett im Griff zu haben. Eine Belobigung wird mit Sicherheit bald folgen.
Den Funkverkehr konnten wir überhaupt nicht wahrnehmen in der Zeit, so beschäftigt waren wir, bis......ja bis ich endlich das Telefon abnehmen konnte. Am anderen Ende war der Weichensteller von Britz-Süd, mit der nunmehr schon weinerlichen Stimme (er freute sich wahrscheinlich, dass er endlich durchkam), wir möchten doch mal BITTE BITTE ein Zug stehen lassen und sehen was passiert.
Na gut, warum nicht? Wenn der das sagt, er ist ja mehr oder weniger einer, der uns was zu sagen hat, also Bitteschön, machen wir doch.
Upppss, nach circa 30 Sekunden wurde das Signal (JT A2) grün.
Nun zum besseren Verständnis Außenstehender: Das Signal wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits nach dem ersten Zug wieder grün geworden, wenn wir den nächsten Zug ein wenig hätten warten lassen. Durch das oben schon erwähnte „Fahren auf Sicht“ ist es einfach nicht möglich, den Streckenabschnitt so schnell wieder frei zu machen, das der nachfolgende Zug wieder „GRÜN“ hat. Also hatten wir die Züge einfach in besetzte Abschnitte geschickt, was dann natürlich das anschließende Chaos zur Folge hatte.
Des weiteren sollte noch erwähnt werden, wäre ich alleine auf dem Bahnhof gewesen, hätte es denselben Effekt gehabt, da ich nach dem Abfertigen des Zuges wieder zum Zugabfertigerraum hätte laufen müssen, um den Gegenzug abzufertigen.
Genau so hat es sich seinerzeit abgespielt, es ist niemandem in den Sinn gekommen, dass zwei Zugabfertiger, die ihren Lehrgang mit Bravour bestanden haben, dieses Chaos verursacht haben.
Horst B.
Das schwarze Telefon
Jahre lang verrichtete ich mit einem Kollegen zusammen meinen Dienst als W. in „Reinickendorf“. Das war damals noch zu Zeiten, als Berlin geteilt war und Reinickendorfer Straße ein sogenannter „Grenzbahnhof“ war. Im wesentlichen war der Dienst dort nicht aufregender, als auf anderen Bahnhöfen, doch gab es hier einige Dinge zu beachten. So zum Beispiel, dass die Züge nur alle drei Minuten von hier aus in den Osten geschickt werden durften. Wenn wir sie hätten im dichteren Takt abgefertigt, wäre es zu Stockungen im Transitabschnitt gekommen. Und das sollte tunlichst vermieden werden. Und weil das ein Grenzbahnhof war, waren wir hier immer zu zweit. Zusätzlich schauten auch noch immer Zugbegleiter rein und tranken schnell ihren Kaffee, bevor sie mit dem nächsten Zug durch den Osten fuhren. Die fuhren dann bis Kochstraße mit und kamen anschließend wieder hierher zurück. Es sollte nämlich vermieden werden, dass die Zugfahrer im Osten alleine sind und so wurde ihnen ein Zugbegleiter beigestellt.
Dann gab es hier auf diesem Bahnhof noch eine Merkwürdigkeit, die wir Jahre lang nicht beachtet hatten: In unserem Kabuff hing nämlich son altertümliches schwarzes Telefon an der Wand, mit ner Kurbel dran. Nie haben wir uns um das Ding gekümmert, doch eines Sonntags-Morgen, es war gerade nichts los her, überkam mich und meinem Kollegen Langeweile. Und so dachten wir bei uns, was das wohl für ein Telefon sei. Er meinte zu mir, dass ich mal kurbeln sollte. Ich meinte: „Nee dit dürfn wa nich. Wenn das in die Potsdamer führt oder zu den Alliierten oder gar in den Osten...“
Na ja, ich hatte jedenfalls Skrupel. Dennoch nahm ich den alten verstaubten schweren Hörer in die Hand und drehte an der Kurbel. Schließlich gehört es ja auch zu unseren Aufgaben, die technische Einrichtung auf ihre Funktion zu prüfen. Man hörte nur ein leises Knistern, sonst nix... Ich versuchte es nocheinmal und wartete ein paar Sekunden. Dann meinte ich zu ihm, mach du doch mal, bei mir passiert nüscht. Er kurbelte auch noch mal, aber dann mussten wir ganz schnell einhängen als nämlich eines Augenblicks der VM reinschaute. In unseren täglichen Verrichtungen hatten wir die Sache bald vergessen. Es gingen etwa zwei Stunden ins Land, als wir in unserer Monotonie jäh aufgeschreckt wurden: Etwas uns völlig fremdes rasselte mit einem mal! Nanu, wat issn dit??? Wir schauten uns an und schauten auf das olle schwarze Ding. Zaghaft hob ich ab... Leicht verrauscht meldete sich eine Stimme, was denn los sei? Ich fragte, wer denn da ist und die Stimme antwortete, dass dort der Grenzposten des Übergangs Chausseestraße sei. Über dem U-Bahnhof, also Richtung Stadion hin, befand sich nämlich damals ein Straßenübergang für Westberliner in den Ostsektor. Aha, nun waren wir schlauer. Es handelt sich also um eine Sprechverbindung zwischen Straße und U-Bahn. Die Grenzposten, so erzählte er mir, waren vorhin ziemlich erschrocken, als unter einem großen Haufen Zeitschriften und Illustrierten ein Telefon klingelte. Sie mussten erstmal das Ding freigraben, um zu sehen, was das war. Und nun waren auch sie neugierig geworden...
Ja, so war das hier in „Reinickendorf“.
Ach ja und eine Sache werde ich wohl auch nie vergessen: Die U-Bahnhöfe waren immer personell besetzt, also auch nachts, wenn kein Zug fuhr. Wir hatten dann nachts zu überprüfen, ob die Bahnhöfe in Ordnung sind, also schauten wir nach, dass die Entwerter und Automaten funktionierten, die Anlagen sauber sind, und so weiter. Hin und wieder mussten wir ans Telefon, wenn nämlich der Eilruf kam, der eigentlich nur eine Kontrolle war, dass alle da sind und keiner pennt. Na, ja und bei einem meiner Rundgänge, ich war in der Nähe des Tunnelmundes Richtung Stadion, da hörte ich aus dem Tunnel leise Geräusche. Ich dachte so bei mir, Mäuse können das nicht sein, dafür ist das zu laut. Klar haben wir Mäuse hier unten. Die laufen immer zwischen den Schwellen rum. Aber was war das für ein Geräusch? Ich rief in den Tunnel rein: „Hallo? Ist da jemand?“ Dann sah ich ihn, einen Grenzposten von der anderen Seite! Der kam tatsächlich vom Bahnhof Stadion der Weltjugend durch den Tunnel nach Westberlin gelaufen. (Heute ist das der Bahnhof Schwartzkopffstraße) Mensch, ich kriegte beinahe Schweißausbrüche, denn nun hätte ich eigentlich den Vorfall melden müssen. VUM, Polizei, usw. Aber der Grenzer wollte nicht flüchten oder so! Nein, er fragte mich nur, ob ich so zwei drei Zigaretten für ihn hätte, für ihn und seinen Kollegen. Ich war wirklich erleichtert und natürlich höchst erstaunt. Ich gab ihm welche und er bedankte sich und so schnell, wie er gekommen war, war er dann auch wieder weg. Natürlich machten wir keine Meldung... Wohl denkbar, dass es eine Wette war, nach dem Motto, wer holt echte Marlboros aus dem Westen...
Tja, hier konnte man echt was erleben...
Von Achim
W und Za in „Reinickendorf“
Und ein mal, ich war wohl ziemlich schlecht drauf, da hatte ich Leopoldplatz Dienst. Damals noch als Za. Da kam ein Fahrgast zu mir an die Scheibe und wollte wissen, wie er nach Borsigwerke kommt. Ich sagte zu ihm, dass er auf den anderen Bahnsteig müsse, denn hier geht es nur nach Mariendorf. Ich sagte, gehen Sie die Treppe zur Linie 9 runter, und dann die andere Treppe wieder hoch, Richtung Tegel. Dann sind sie richtig. Er meinte: „Na dann kann ich ja auch oben über die Straße gehen!?“ Und ich meinte: „Sie können auch mit dem nächsten Zug bis Wedding fahren und dann in den Gegenzug umsteigen.“ „Sehr witzig“ meinte er, dabei meinte ich das mehr oder weniger ernst, denn er hätte sich dort die Treppenlauferei ersparen können. Vermutlich aber hätte ich auf so eine Bemerkung ähnlich reagiert...
Als ich mal am Bayerischen Platz Dienst hatte, ich sollte gerade meinen Kollegen ablösen, da kam ein Fahrgast an die Scheibe und wollte wissen, wie er zur Bergstraße käme. Mein Kollege, er war noch jünger als ich, sagt, dass er keine Ahnung hätte. Wo soll denn das sein? „Aber das müssen sie als BVGer doch wissen!“, meinte der aufgebrachte Fahrgast. Ich bekam das mit und ging dazwischen, ich meinte, fahren Sie mit dem nächsten Zug bis Karl-Marx-Straße, dann sind Sie richtig. Der Bahnhof Karl-Marx-Straße hieß bis in die Nachkriegszeit Bergstraße, wurde also schon vor Jahrzehnten umbenannt.
Na, ja, war halt ein jüngerer Kollege, aber manchesmal war es doch schön, wenn man einem Fahrgast auch exotische Fragen beantworten konnte. So lange die Fragen nicht so weit gingen, das wir wissen sollten ob Herr X noch in der Y-Straße wohnt, was auch vorgekommen ist...
Von Achim
Za Leopold oben und Za Bayerischer unten
Eine nicht ganz alltägliche U-Bahn-Fahrt
Es war im Sommer 1980 und die U-Bahn nach Rohrdamm war noch im Bau. Ein Kumpel von mir war damals Zugabfertiger bei der BVG und war gelegentlich auf den neuen noch nicht eröffneten Bahnhöfen zur Objektsicherung eingesetzt. Und so hatte ich die Möglichkeit, diese neuen Tunnel kennen zu lernen bevor sie im Betrieb waren. Die Gleise waren komplett verlegt und auch die Bahnhöfe waren schon weitgehend fertig.
Eines nachts hatten wir mal wieder eine Tunnelwanderung auf der neuen Strecke gemacht. Und so gingen wir auf den Schwellen der noch stromlosen Gleise. An einer Stelle stand neben einem Gleis ein Handwagen. Und im Nu war das Ding eingegleist und ab die Fahrt. Hat einen mords-Spaß gemacht. Etwas Schwung holen wurde mit einer dollen Talfahrt belohnt. Wir rauschten also den Berg von Jakob-Kaiser-Platz nach Jungfernheide runter, hatten ein irres Tempo drauf. Irgendwo hinter einem Pfeiler hatten wir beide das Gefühl, jemanden gesehen zu haben... „War da nicht jemand?“ Und so donnerten wir in den Bahnhof Jungfernheide rein und genauso schnell auch wieder raus. Wir trauten unseren Augen nicht: Der Bahnsteig voll mit Soldaten in voller Montur! Was zum Teufel war DAS??? Die Sache klärte sich relativ schnell auf: Das waren die alliierten Schutzmächte, wohl die Engländer, während einer Übung. Die hatten immer so lustige Einfälle und suchten sich eigenartige Örtlichkeiten, um ihre Übungen abzuhalten. In diesem Falle war es ein U-Bahnhof, der noch gar keiner war...
Von xxx
Die DDR-Wohnung in West-Berlin
Können Sie sich noch erinnern? Eine Fahrt mit der Deutschen Reichsbahn nach Westdeutschland war vor allem für die Nase immer ein dolles Erlebnis!
Die DDR benutzte zur Reinigung ihrer öffentlichen Gebäude, wie auch bei der Deutschen Reichsbahn ein Reinigungs- und Desinfektionsmittel namens „Lysol“. Der Geruch dieses Mittels war einzigartig und in der DDR neben Braunkohle- und Zweitaktermief allgegenwärtig. Bis 1984 gehörte die Berliner S-Bahn auch in Westberlin noch zur DDR-Reichsbahn, daher gab es dieses Mittel auch hier.
Ich hatte einen Bekannten, der damals bei der Reichsbahn angestellt war und nun, 1984, durch die S-Bahnübernahme zur BVG kam. Der jedenfalls wiederum hatte einen Bekannten, der wollte damals innerhalb Westberlins umziehen. Nun machte der Vermieter damals aber irgendwie Stress bei der Endabnahme der nun geräumten und an den Nachmieter übergabebereiten Wohnung. Die Tapeten seien noch nicht restlos beseitigt und außerdem müsse der Boden ja nochmal gewischt werden. Jedenfalls ging uns das Gehabe dieses Vermieters irgendwie auf die Nerven. „Bringen Sie das in Ordnung und werfen Sie den Schlüssel dann in den Briefkasten“. Machen wir doch glatt. Da erinnerten wir uns des Reinigungsmittels, was durch die S-Bahnübernahme noch palettenweise in der S-BW Wannsee rumstand und auf die Entsorgung wartete. Weil die BVG wollte dieses Mittel ihren Fahrgästen nicht mehr zumuten...
Es entzieht sich leider unserer Kenntnis, was der Vermieter wohl für ein Gesicht machte, als er in die spiegelblank geputzte saubere Wohnung kam...
...wird fortgesetzt.
