Drei Stationen in die *Freiheit
Berlin, im Frühjahr 1958:
Kurz vor dem Berliner Ostbahnhof fuhr der Zug an einem halben Haus vorbei. Vor den Fenstern hingen Blumenkästen neben Einschusslöchern; zwischen Tapetenresten ragten abgebrochene Ziegelsteine hervor; daneben hatten etliche Sträucher den Irrsinn der so genannten Zivilisation erobert und überwucherten Trümmer mit blühenden Frühlingsboten.
Hoffentlich bekommen wir im Westen bald eine Wohnung, dachte Barbara.
Die Wohnungsnot soll dort noch immer groß sein. Ihre Hände verkrampften sich am Griff des Kinderwagens. Jacquelines Ärmchen zuckten im Schlaf.
Der Zug ratterte über Gleise, die Bremsen kreischten, Metallgeruch mischte sich mit dem Gestank aus der Toilette, endlich blieb der Zug stehen. Kaum hatte sie mit Johannes den Kinderwagen und den Koffer auf den Bahnsteig gehievt, als ein Volkspolizist auf sie zu eilte.
„Ihre Fahrkarten bitte!“ Sein Befehlston schmerzte in Barbaras Ohren.
Oder war es nur der ungewohnte Dialekt? Seit sie sieben Jahre alt war, hatten sie nur hinter verschlossenen Türen Deutsch reden dürfen.
„Rokitnica“ stand seit dreizehn Jahren am Eingang zu dem Ort, der bei ihrer Geburt „Martinau“ hieß. Sie zählte zu den Verlierern in dem endlosen Spiel von Unrecht und Rache, das Erwachsene gespielt hatten, als sie selbst noch ein Kind gewesen war.
Johannes holte die Papiere aus seiner verknitterten Jackentasche. Was wollte der Vopo überhaupt? Fahrkarten werden doch im Zug kontrolliert.
Ihr wurde heiß und kalt.
„Soso, aus Polen kommen Sie!“ Stocksteif stand er da, Respekt gewohnt.
„Ihr Zug nach Torgau geht erst heute Nachmittag um vier.“
Jacqueline wimmerte leise vor sich hin. Der Polizist schaute in den Kinderwagen. Er ist höchstens so alt wie Johannes. Ob er schon Kinder hat?
„Es gibt hier eine Rot-Kreuz-Station, da können sie sich mit dem Baby aufhalten.“ Er reichte Johannes die Fahrkarten. „Ich bringe sie hin, mein Kollege begleitet sie dann um vier zu ihrem Zug.“
Du verdammter Vopo!, dachte Barbara. Tust so hilfsbereit, dabei willst du nur kontrollieren, ob wir auch wirklich in den richtigen Zug steigen!
Jacqueline begann zu schreien. Barbara nahm sie auf den Arm, versuchte sie zu beruhigen. Oder sich selbst.
„Ein Onkel von mir wohnt auf der Weinmeisterstraße, hier ist ein Brief von ihm.“ Johannes kramte einen Briefumschlag mit der angegeben Adresse hervor. Ein Kollege hatte ihm diesen Brief geschrieben, als er beruflich in Berlin zu tun hatte. Wie schafft Johannes es nur so überzeugend zu lügen? „Das soll nicht so weit sein. Dort können wir das Kind besser versorgen und meine Frau kann sich etwas hinlegen.“
Der Polizist runzelte die Stirn, schaute erst Johannes, dann Barbara mit dem Kind auf dem Arm an. Sie konnte fast hören, wie er daran dachte, dass die U-Bahn dorthin in die Westsektoren führte. Lass uns verdammt noch mal fahren!, dachte Barbara verzweifelt. Ich will nicht zurück nach Polen! Ich will nicht, dass meine Tochter in der Schule schlechte Noten bekommt, weil sie einen Vermerk als Deutschstämmige in ihren Akten hat!
Sie soll es einmal besser haben, studieren, sich ihre Arbeitsstelle aussuchen, ihren Kindern deutsche Namen geben dürfen!
„Es sind immerhin noch acht Stunden bis wir weiterreisen!“ Wie schafft Johannes es, so ruhig zu wirken?
„Na ja, vielleicht ist das wirklich das Beste.“ Die Stimme des Polizisten klang eine Spur freundlicher. „Kommen sie, ich zeige ihnen, wo sie umsteigen müssen.“ Er nahm ihren Koffer und ging mit entschlossenen Schritten vor.
Ein Vopo trägt uns den Koffer auf der Flucht in den Westen! Das glaubt uns niemand! Johannes schob den Kinderwagen und lächelte ihr aufmunternd zu. Jacqueline beruhigte sich etwas. Barbara legte sie in den Kinderwagen. Ob sie spürt, dass die Aufregung nachgelassen hat? Wie im Traum wanderten sie über Bahnsteige, Treppen runter, Fahrkarte kaufen, Treppen rauf.
„Fahren Sie eine Station mit der S-Bahn bis zur Jannowitzbrücke, dann steigen Sie in die U-Bahnlinie D Richtung Gesundbrunnen. An der zweiten Station müssen Sie aussteigen.“ Der Vopo stellte den Koffer auf den Bahnsteig.
Johannes hörte sich die Wegbeschreibung an, als wäre sie ihm völlig neu.
Dabei hatte er sich den Berliner Stadtplan für einen Abend leihen können, fotografiert, alle in Frage kommenden Strecken auswendig gelernt und die verdächtigen Fotos verbrannt. Wie in einem Spionageroman!

„Gute Fahrt!“
„Vielen Dank!“
Fast hätte Barbara dem Vopo zum Abschied gewunken, da sagte er: „Ach bitte geben Sie mir noch einmal Ihre Fahrkarten.“ Er kritzelte etwas auf die Rückseite der Fahrkarten. „Ich bestätige Ihnen, dass sie heute bis zur Weinmeisterstraße fahren dürfen.“ Mit einem kalten Lächeln gab er Oswald die Fahrkarte zurück. „Falls sie noch einmal kontrolliert werden.“
Und damit wir bloß nicht drei Stationen weiter fahren! Mistkerl!
Mit lautem Zischen und Schnauben fuhr eine S-Bahn in den Bahnhof, kaum hatten sie sich in den Wagen gedrängt, fielen die schweren Holztüren laut krachend ins Schloss und sie fuhren los. Ein Vopo drängte sich durch die dichte Menschenmenge, bevor er sie kontrollieren konnte, waren sie wieder ausgestiegen. Barbara wusste nicht, wohin sie zuerst schauen sollte. So viele Schilder, so viele Menschen, alles fremd, verwirrend. Das Baby gähnte herzhaft. Johannes marschierte zielstrebig auf eine Treppe zu und ein paar Stockwerke tiefer fuhr tatsächlich gerade ein gelber Zug mit der Aufschrift „Gesundbrunnen“ ein. Nur noch fünf Stationen mit dieser U-Bahn, dann sind wir in der Freiheit! Barbaras Beine beeilten sich, doch Johannes funkelte sie an. Nur nicht auffallen!, warnte sein Blick.
„Zuuurüüückbleiiiim!“, schrie ein Uniformierter, zischend schlossen sich die Türen und die Bahn fuhr ihnen vor der Nase weg. „Die nächste kommt in drei Minuten.“ Johannes Lächeln wirkte gequält.
Dann vertiefte er sich in die Zeitung, die er am Fahrkartenschalter gekauft hatte. Sie wollte so wenig wie möglich reden, um sich mit ihrem schlechten Deutsch nicht zu verraten. Ihr Mund war ohnehin staubtrocken.
Sie warf einen Blick auf die Bahnhofsuhr, vier Minuten nach halb Acht.

Um sie herum wimmelte es von Arbeitern und Frauen in Bürokleidung, halb Ostberlin war auf dem Weg zur Arbeit in den Westen der Stadt. Die beste Zeit für eine Flucht. Auf den Straßen in den Westen wurde jeder kontrolliert, während des Berufsverkehrs im öffentlichen Nahverkehr war dies unmöglich. Vorletztes Jahr hatten eine viertel Millionen Menschen auf die Rückfahrt in den Osten verzichtet. Wie gut, dass wir Deutschlandfunk gehört haben! Barbara lächelte bei dem Gedanken, wie Johannes die dreißig Meter lange Radioantenne von ihrer Dachwohnung aus quer durch den Garten gespannt hatte um 'Lange Welle' empfangen zu können. Die einzige Möglichkeit, Nachrichten aus Westdeutschland zu bekommen. Sie hatten auch von den langen Gefängnisstrafen für „Republikflüchtlinge“ gehört – und dass deren Kinder in „staatliche Obhut“ gegeben wurden. Barbara beugte sich über den Kinderwagen.
Jacquelines Augen waren geschlossen, das Kissen hob und senkte sich im friedlichen Rhythmus. Barbara strich es mit zitternden Fingern glatt.
Darin eingenäht waren ihre Papiere. Nur nicht dran denken, was passieren könnte! Sie schaute wieder zur Uhr, sieben Minuten nach halb Acht. Auf einem der Plakate an den zitronengelben Wänden warben Fahnen schwenkende Optimisten „Für Frieden, Völkerverständigung und antiimperialistische Solidarität“. Ob es im Westen auch so einen Unsinn gibt?, fragte sie sich.
Ein leichter Windzug streifte Barbaras Gesicht, wurde stärker, mit ohrenbetäubendem Quietschen hielt die U-Bahn und sie stiegen ein. Jetzt kommt der gefährlichste Teil der Reise! Nein, nicht an die Gefahr denken! Aber wenn es klappt, was wird uns im Westen erwarten? Werden wir Arbeit und eine Wohnung bekommen? Wird man uns wegen unserem Namen als Pollacken beschimpfen? Werde ich meine Eltern, meine Geschwister jemals wieder sehen? Barbaras Herz klopfte bis zum Hals. Der Zug rumpelte in die Dunkelheit. Johannes starrte mit unbeweglichem Gesicht aus dem Fenster, als wäre er diese Strecke schon hundert Mal gefahren. Am Alexanderplatz schoben sich etliche Passagiere in beide Richtungen am Kinderwagen vorbei. Direkt neben ihnen stieg ein älterer Herr mit einem großen Koffer ein, schaute sich mehrmals in alle Richtungen um, wischte sich Schweiß von der Stirn. Er roch penetrant nach Kohl und Angst.
Barbara rückte zur Seite. Als letztes drängte sich ein älteres Ehepaar in die U-Bahn. Die Frau beugte sich mit ihrem Kopftuch über den Kinderwagen.
„Ne, wat is det süß! Wie alt is det Kleene?“ Ein paar Fischaugen strahlten Barbara durch dicke Brillengläser an. Sie schreckte zurück.
Das Baby gab einen unwilligen Laut von sich. Verdammt, jetzt hat die Alte auch noch Jacquelie aufgeweckt! „Sechs Wochen“, erklärte Johannes kurz angebunden.
Die Grauhaarige warf Barbara einen beleidigten Blick zu. „Nich sehr jesprächig, die jungen Leut heutzutach!“, beschwerte sie sich bei ihrem Mann.
Dieser brummte in seinen Bart und schien Barbara mit seinen Augen durchbohren zu wollen. Sind das Mitarbeiter von der Staatssicherheit in Zivil? Anderseits erinnerte das runzelige Gesicht der Alten sie an ihre Tante Marta in Torgau, die sie in die DDR eingeladen und vorgegeben hatte, ihre Schwester zu sein. Nur engste Familienangehörige durften besucht werden, Johannes konnte Barbara nur begleiten, weil sie in Umständen war. Was für ein unglaubliches Glück wir gehabt haben! Als das Baby da war, haben wir Jacqueline selber eintragen, wenn nur ein Strich in dem Feld für Kinder gewesen wäre -.

An der Weinmeisterstraße leerte sich die U-Bahn ein wenig. Wir dürfen nur bis hier fahren! Jetzt einfach in der U-Bahn bleiben, nur noch drei Stationen! Kurz bevor der Zug abfuhr, stieg ein Vopo ein, direkt neben Barbara. Ihre Knie wurden weich. Wenn er uns jetzt fragt, wohin wir fahren, nutzt Johannes Brief nichts mehr! Plötzlich schnappte der Dicke neben ihr seinen Koffer, hastete zum anderen Ende des Waggons, trat Barbara dabei gegen das Schienbein. „Halt, stehen bleiben!“, schrie der Polizist und folgte dem Dicken. Der alte Herr hob ein Bein, der Vopo flog vor Barbara der Länge nach auf den Boden, rappelte sich auf, drohte dem Alten: „Um Sie kümmere ich mich gleich!“, rannte weiter und erwischte den Dicken am Ärmel.
„Lassen Sie mich los!“ Dessen Stimme überschlug sich. „Ich muss zur Arbeit.“
„Sie können meinen Kollegen gleich erklären, zu welcher Arbeit Sie einen Koffer mitnehmen müssen!“, höhnte der Polizist.
Am Rosenthaler Platz öffnete er die Tür, blies in seine Trillerpfeife, zwei Polizisten rannten herbei, schleppten den Dicken aus dem Zug.
„Scheiß Vopo!“, knurrte der ältere Herr.
„Toll, wie de dem Beenchen jestellt has, Egon!“ Seine Frau klopfte ihm auf die Schulter.
Barbara wurde heiß und kalt. Gleich sind wir dran! Sollen wir nicht besser aussteigen? Sie warf Johannes einen verzweifelten Blick zu. Er drückte ihre Hand. Seine war heiß und nass. Dann schob er ihren Koffer einen Meter weiter. Barbara nickte. Im Notfall gehört er uns nicht. Das ist zwar unser gesamtes Hab und Gut, aber wenn sie uns schnappen, nehmen sie ihn uns sowieso weg. Mit zitternden Hände schaukelte sie den Kinderwaren. Jacqueline warf das Köpfchen hin und her. Bitte schrei jetzt nicht, bald ist alles gut! Die U-Bahn fuhr weiter.
„Ist das Ihr Koffer?“
Barbara zuckt zusammen, dreht sich um, der Vopo wendet sich an die beiden Alten. Der Koffer steht zwischen ihnen.
„Nein.“ Erna wirkt auf einmal nicht mehr so selbstbewusst.
„Das behauptet jeder!“ Die Augen des Vopos glänzen. „Zeigen Sie mal Ihre Papiere!“ Umständlich kramt Egon in seiner Hosentasche.
„Die Pässe hasse doch immer inner linken Jackentasche!“, nörgelt seine Frau.
Egon wirft ihr einen eisigen Blick zu. „Det de ooch nie dene Klappe halten kennst, Erna!“
„Na wird's bald!“ Der Vopo trommelt mit der rechten Hand auf seinen Waffengürtel. „Oder sie begleiten mich gleich mit auf die Wache!“
Der Alte wischt sich den Schweiß von der Stirn, holt die Papiere aus seiner Jackentasche und reicht sie dem Polizisten. Der Vopo starrt auf die Pässe.
„Sie wohnen ja in Westberlin!“ Seine Stimme klingt enttäuscht.
„Denn müssen Se jetzt leider aleene aussteigen!“ Egon grinst voller Schadenfreude.
„Und wem gehört der Koffer?“ Der Polizist schaut zu Johannes hoch.
Die Bremsen quietschen, die U-Bahn hält an der Bernauer Straße. Barbara wird übel. Die letzte Station im Osten. Nein, bitte nicht! Nur noch ein kleines Stückchen!
„Den hab ick mir von meener Schwester oosjeliehn!“, erklärt Egon.
Der Vopo beißt die Zähne zusammen, dreht sich ruckartig um und steigt aus. Barbara wagt es nicht zu atmen, bevor die Türen sich schließen und die U-Bahn endlich weiter fährt.
„Da, kieken Se mal!“ Egon deutet auf das Fenster. Ein weißer, senkrechter Strich huscht vorbei. „Det war de Jrenze!“ Egon dreht sich um, schüttelt Johannes überschwänglich die Hand. „Herzlichen Jlückwunsch, Ihr habt's jeschafft! Ihr seid in West-Berlin!“
Und verjesst Euren Koffer nich!"
Herzlichen Dank an Charlotte Brinkmann für die Veröffentlichung dieser Geschichte, die sie so ähnlich selbst erlebt hat.
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