Gehen Sie mal in Berlin an einen Fahrkartenschalter der U-Bahn und sagen Sie, dass Sie eine Spinne haben möchten.
Mit der größten Selbstverständlichkeit wird Ihnen der Bedienstete der BVG kein Krabbeltier sondern einen dieser kleinen praktischen Faltpläne in die Hand drücken, auf denen das U-Bahnnetz so bunt und anschaulich dargestellt ist.
Diese Pläne nennt der Berliner „Netzspinne“. So ein Begriff kann nur der Berliner Volksmund hervorgebracht haben.
An einem Hamburger oder Münchner Fahrkartenschalter wird man sie entsetzt anschauen und fragen, ob die Tassen noch vollzählig sind.
Nun: Warum „Netzspinne“?
Schauen Sie sich diesen Plan mal an: Könnte man nicht mit viel Phantasie sagen, das sei ein Spinnennetz?
Genau! Und bei der Berliner S-Bahn hatte dieser Begriff auch seinen Ursprung.
(Obiger Plan der Berliner S-Bahn von 1980)
Mitte der 20er Jahre tauchten dort erstmalig diese Pläne auf. Sie sollten in einfacher Form die Stadt-, Ring- und Vorortbahn darstellen. Seit 1930 nennt sich dieses Gebilde „S-Bahn“.
Natürlich brachte auch die U-Bahn bald solche Pläne heraus.
Sie wurden anfänglich ganz schmucklos und pragmatisch „Übersichtsplan“ genannt. Der Schmuck war der Plan selbst, der durch seine bizarre Form aus bunten Linien mehr oder weniger ästhetisch war, aber hohen Informationsgehalt hatte, ja manchmal auch schön anzuschauen war.
In den 20er Jahren brachte London Underground als Betreibergesellschaft der Londoner U-Bahn erstmalig einen Linienplan heraus, der in seiner klaren und kompromisslosen Form einem Schaltplan glich. Jede U-Bahnlinie, so kurvenreich sie sich auch durch die Stadt schlängelte, wurde nur durch eine gerade Linie dargestellt, die nur gebrochen wurde, wo dies der Schnittpunkt mit anderen Linien erforderte. Ein Punkt oder Kreis stellte den Haltebahnhof dar.
Und stets hatte jede Linie eine eigene Farbe.
Diese klare Netzdarstellung war revolutionär, war es doch gelungen das komplizierte und schwer zu überblickende Gebilde Londoner U-Bahn mit wenigen Linien klar und übersichtlich darzustellen und alle Informationen beizufügen, die notwendig waren, um sich in London nicht zu verfahren.
Man ging einen Schritt weiter: In den Umsteigebahnhöfen wurden die Übergänge zu anderen Linien mit Schildern versehen, die ebenfalls farbig waren und somit bezug zu den Linien in den Plänen herstellten. Dies alles scheint uns heute selbstverständlich. Doch damals war dies neu und ohne Vorbild!
Um 1928 tauchte bei der Berliner U-Bahn erstmalig ein bunter Plan auf, der farblich die Linien unterschied.
Auch war es 1928 als die einzelnen Strecken zu Linien zusammengebunden wurden, und die Zuggruppen mit Bezeichnungen versehen wurden. Die Linie A zum Beispiel fuhr von Nordring zum Wilhelmplatz und war rot dargestellt.
Die Linie B dagegen fuhr von der Warschauer Brücke zur Hauptstraße und war grün. Es gab noch einige Abzweigstrecken in rot und grün außerdem eine violette und blaue Linie mit den Bezeichnungen C und D.
Auch in Berlin waren diese Pläne sinnvoll, das Netz hatte sich in jener Zeit massiv vergrößert.
Anfänglich orientierten sich die Pläne noch an der geographischen Situation der einzelnen Strecken und wirkten dadurch recht verspielt.
Später wurden die Pläne immer klarer und geometrischer. Die knappste Form war Ende der 70er Jahre erreicht. Es gibt auch Fälle, wo diese lineare Klarheit irritierend wirkte: Das war in New York Ende der 60er:
Dort wurde damals ein sehr geometrischer Netzplan der U-Bahn herausgegeben. Der Plan war so geometrisch, dass den Fahrgästen die Orientierung verloren ging. Wenige Jahre später hinterlegte man diesen Plan mit einem groben Stadtplan. Die einzelnen Linienverläufe wurden wieder den tatsächlichen Verhältnissen angepasst.
Nun, soweit ist es in Berlin nicht. Dennoch geben die Spinnen einen schönen Einblick in den Zeitgeschmack der Jahrzehnte.
Manchmal, gerade im Nachkriegsberlin, lassen sich sogar politische Standpunkte der herrschenden Systeme an den Plänen erkennen!
Marcus Schomacker
Hamburg, im Januar 2001